Notfall Balve vom November 2006

In der letzten Novemberwoche erhielten wir einen Hilferuf einer Reiterin eines privaten Reitstalles. In einer Pferdebox würden sich seit über einem Jahr Kaninchen größerer Rasse ständig unkontrolliert vermehren. In diesem Sommer sollen es an die 60 Tiere gewesen sein, die auf knapp 9 qm Pferdebox gelebt haben. Durch Verschenken hätten die Besitzer die Zahl auf 22 Tiere herabgesenkt. Doch jetzt wüßte man weder ein noch aus. Ein TA hatte 8 Wochen vor dem Notruf die Böcke von den Häsinnen getrennt. Uns wurde zugetragen, es würde sich um 12 ausgewachsene Häsinnen, zum Teil mit angefressenen Ohren und 10 Jungtieren unbekannten Geschlechts im Alter von 7 bis 8 Wochen handeln. Die junge Reiterin kümmerte sich seit bereits einem Jahr so gut es ging um die Tiere, hatte aber erst jetzt von den Besitzern die Erlaubnis erhalten, sich um die Vermittlung zu kümmern. Am 02.12. waren wir das erste Mal vor Ort und möchten Euch wiedergeben, was wir dort vorgefunden haben.

Vor dem Stallgebäude, in dem sich die Tiere befinden, waren diverse Käfige übereinander gestapelt. Und das Schlimme an der Sache, in jedem Käfig ein Tier. Es waren jeweils 3 Käfige nebeneinander und dann noch 3 Etagen drauf. Wir sprechen von Zimmerkäfigen!!! In einem der unteren Käfige ( 1 x 0,5 ) lief ein Bock (ca. 3,5 kg) am Gitter wie irre auf und ab. In einem Käfig daneben ( 0,6 x 0,4 ) kauerte zusammengesunken eine Häsin, die angeblich irgendeinem Kind auf dem Hof gehören würde. Wieder daneben das Grauen pur. Ein Bock um die 4 Kilo in einem knapp 1 x 0,5 Käfig. Laut Aussage seit 1 Jahr dort ohne jeglichen Auslauf. In der Reihe drüber, direkt auf dem Käfig des Bockes ein 1 x 0,5 Käfig mit einem einzelnen Meerschweinchen, daneben, genau auf einem anderen Käfig, ein 0,4 x 0,3 Käfig mit einem der Jungtiere. Völlig dem Wind ausgesetzt und ohne Hütte oder sonstiger Versteckmöglichkeit. Ganz oben noch ein 1,40-er Käfig mit einem Hermelinchen und einem Meeri darin. Der Käfig völlig ungeschützt im Wind. Es ging dann weiter in den dunklen Stall.

Die Pferdebox, in der die Tiere leben ist wirklich knapp 9 qm groß. Wie es bei Pferdeboxen nun mal so ist, unten mit Holz. Die Tiere schauen also nur vor Bretter, zumindest von zwei Seiten, bei den andern beiden Seiten haben sie den Blick auf Steinmauern. In den Stall fällt so gut wie kein Tageslicht, zumindest nicht in die hintere Ecke, wo sich die Kaninchen befinden! Der Stall wird lediglich durch einen 250 Watt Strahler bestrahlt und das auch nur, damit wir für den Augenblick unserer Anwesenheit wenigstens etwas erahnen konnten. Die Tiere sitzen sonst in der Dunkelheit. In der Box waren 12 Häsinnen und 9 Jungtiere. Einen Jungbock hatte man vorher schon aussortiert, er war versprochen und sollte verschenkt werden. Wir haben die Jungtiere den Geschlechtern nach erst einmal getrennt und in verschiedene Transportboxen gesetzt. Insgesamt 5 Mädels und 4 Böckchen. Darunter ein Jungtier mit einem mißgebildeten Auge und ein Böckchen mit einem, wie sich beim TA herausgestellt hat, Darmvorfall (er ist mittlerweile operiert worden, jedoch hat die OP keinen Erfolg gebracht, der Darm fällt noch immer vor). Diese beiden Jungtiere wollten wir auf alle Fälle mitnehmen, da sie tierärztliche Behandlung benötigten. Dann platzte die Besitzerin in das ganze Szenario und erzählte uns, wie es zu dem ganzen "Theater" gekommen sei.

Angefangen hätte sie angeblich mit 2 Häsinnen, dann hätte sie 2 kastrierte Böcke dazugesetzt und plötzlich hätten sich die Tiere vermehrt. Da wäre sie doch wirklich betrogen worden.............Ja und dann wären es immer mehr geworden. Wir haben Ihr ermahnend gesagt, dass das Problem der vielen Tiere komplett von ihr ausgegangen wäre und was bekommen wir zu hören "...ja wenn die sich doch auch so vermehren, was kann ich denn dann dafür..." Dann kam auch noch ihr Mann dazu. Ihm haben wir auch ins Gewissen geredet und ihm gesagt, dass es doch am Anfang viel einfacher gewesen wäre, die Böcke kastrieren zu lassen. Antwort von ihm "...hätte Gott gewollt, dass Kaninchen kastriert werden, dann hätte er sie kastriert zur Welt kommen lassen...". Obwohl wir keine Jungtiere mitnehmen wollten, taten wir es dann doch, weil uns die Besitzerin sagte, sie hätte die Jungtiere als Weihnachtsgeschenke im Internet ausgeschrieben. Da gab es gar kein Nachdenken mehr. Die Kleinen blieben in unseren Transportboxen. Sie maulte noch mal kurz auf, dass angeblich eins der Weibchen versprochen wäre, griff in die Transportbox und holte eine kleine Japaner Häsin heraus und setzte sie wieder in die Pferdebox.

Eine wildfarbene ausgewachsene Häsin fiel uns auf, die völlig apathisch in der Ecke saß. Sie hatte die Ohren komplett angeklappt und kauerte mit halb geschlossenen Augen. Wir nahmen sie hoch und ihre Hinterbeine baumelten herunter, zudem ging ihr Kopf schlapp zur Seite weg. Ihre Ohren total angefressen, eitrig und extrem heiß. Ihr Geschlechtsteil ebenfalls angefressen. Die Häsin packten wir auch ein. Die anderen Weiber machten einen relativ "guten" Eindruck, obwohl bei diversen Häsinnen die Ohren angefressen sind. Sie kennen nur Futtermöhren, sonst kein Grünzeug. Heu? Fehlanzeige - Silage gibt es. Heu ist den Besitzern zu teuer. Ab und an bekommen die Tiere auch mal Pferdefutter. Kaninchenfutter wird nicht verfüttert.

Hier ist dringender Handlungsbedarf angesagt! Wir haben am ersten Tag insgesamt 9 Tiere mitgenommen, obwohl wir uns erst einmal nur einen Überblick verschaffen wollten. Zwischenzeitlich haben wir insgesamt 16 Tiere aus dieser Haltung übernommen. Weitere Möglichkeiten hatten wir für die großen Tiere dann nicht mehr. Zu den übernommenen Tieren zählt auch der arme Bock, der seit über einem Jahr in einem kleinen Zimmerkäfig gesessen hat. Als weiterer Erfolg ist zu vermelden, dass zwei der in Zimmerkäfigen lebenden Kaninchen vor dem Stallgebäude von der besorgten Reiterin mit nach Hause genommen worden sind, der Bock kastriert wird und sie die beiden Tiere dann zusammenführen und natürlich behalten wird.

Für die übrigens 5 ausgewachsenen Häsinnen, Gewicht liegt bei knapp 3,5 Kilo, suchen wir dringend Unterbringungsmöglichkeiten, gerne auch schon Endstellen. Die Tiere sind Außenhaltung gewohnt.

Und dann geschah am 07.12. das, was man sich als Tierschützer nicht so schnell hintereinander wünscht. Ein erneuter Notruf, jetzt aber vom Jugendamt der Stadt Menden.